Rosa von Praunheim ist tot

Forum
6 answers in this topic
E*******e
Die meisten von Euch werden es sicherlich schon mitbekommen haben und von daher bin ich mit meinem Thread schon relativ spät. Trotzdem möchte ich hier nochmal an ihn erinnern. Rosa von Praunhim (geboren als Holger Radtke, nach der Geburt zur Adoption freigegeben und von einer Familie Mischwitzky adoptiert.) ist gestern im Alter von 83 Jahren verstorben. Er war Aktivist der LGBTQ-Bewegung. Den Künstlernamen "Rosa von Praunheim" nahm er Mitte der 60er Jahr an und war einerseits eine Erinnerung an den "Rosa Winkel", den schwule Männer in der NS-Zeit im KZ tragen mussten. Andererseits wies der Name auf den Frankfurter Stadtteil Praunheim hin, in dem Rosa von Praunheim als Jugendlicher aufgewachsen ist. Er drehte zum Thema Queer viele Filme. Mit seinem wichtigsten Film, "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" von 1971 begründete er die politische Schwulen- und Lesbenbewegung in der BRD mit, die sich ab Anfang der 2010er Jahre als LGBTQ- un Queerbewegung weiterentwickelt hat. (Quelle Wikipedia). Seit Mitte der1980er Jahhren engagierte er sich für die AIDS-Prävention.

Am 10. Dezember 1991 outete er Alfred Biolek und Hape Kerkeling indirekt in der RTL-Sendung "Explosiv-der Heiße Stuhl" als schwul.
K*******u
Eigentlich wollte ich zu Praunheim nichts schreiben, da ich nie so ein Fan von ihm war, habe ich das gerne Peter überlassen. Wir haben uns aber im Privatchat gerade auch noch mal über Praunheim unterhalten. Es ist zwar richtig das er mit diesem Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers..." eine Pioniertat im deutsche Fernsehen geschafft hat, aber ich finde, Leute wie Praunheim oder Fassbinder haben uns Schwule zu sehr "künstlerisch verfremdet" gezeigt und es gibt eine ganze Reihe Filme welche nicht von diesen Beiden sind die uns aber wirklichkeitsnaher darstellen und eher geeignet sind uns nicht als "pervers" zu bezeichnen, wie es manche Leute heute immer noch tun.
edited once
Lenchen66 yrs
Da muss ich Dir leider etwas widersprechen, lieber Franz.
Wenn ich die mir bekannten Filme in dieser Zeit betrachte, und nur die sind ja vergleichbar, bewegen die sich zwischen "Die Konsequenz" und "Nicht der Homosexuelle ist pervers..." und konnten aus der Zeit heraus nicht rein darstellend sein,
Ja, auch mich befremdeten beide Filme, aber diese konnten wohl auch aus der Zeit heraus nicht locker und wertfrei queeres Leben errwähnen. Und das ist wohl die einzige wirkliche Art queeres sichtbar zu machen ohne es zu exotisieren.

Der Film von Ziegler war meine erste Berührung mit schwulem Sein außerhalb meiner selbst und hat mich für mindestens ein Jahr zurückgeworfen, weil er so gar nichts mit meiner Realität zu tun hat. So dramatisch war ich nicht, dann eher so anarchisch fröhlich wie bei Praunheim.

Seine Mittel wie beim Zwangsouting lehne ich ab, seine Verdienste um die Entstehung der zweiten queeren Bewegung, und hier sage ich ganz bewusst nicht schwulen Bewegung, schmälert das nicht.
Und Herr Praunheim hat da breiter gedacht als die meisten angepassten, heteronormativen schwulen Männer.
K*******u
Zieglers Film habe ich auch so empfunden wie Du beschreibst, mein schwules Leben hatte auch nicht so etwas Trauriges und Negatives wie dieser es ausstrahlt, Lenchen. Was "breiteres Denken" von Praunheim angeht, da verstehe ich Deinen Vergleich nicht. Wer heteronormativ lebt passt sich an die Masse der Heteros an und verdrängt seine Homosexualität, das sind doch keine Schwulen sondern eher bi-sexuelle Männer die oft auch eine Frau heiraten und eine Familie gründen.

Ich habe mich nie mit dem privaten Leben Rosa von Praunheim beschäftigt und möchte auch nun nicht beurteilen, wohin er selbst gehörte, seine Filme hätten mich aber auch nie davon überzeugt, dass man nicht nur als Hetero, sondern auch mit einem Mann ein glückliches Zusammenleben haben kann. Wenn ich schon in jungen Jahren so Etwas wie z.B.den britische Film "Get real" gesehen hätte, wäre mir der Umgang mit meiner Homosexualität und die spätere Entscheidung mit einem Mann zusammen zu leben viielleich etwas leichter gefallen.
edited 3 times
Lenchen66 yrs
Lieber Franz, da haben wir ein unterschiedliches Verständnis von heteronormativ. Ich verstehe darunter Schwule in eindeutigen Männerbeziehungen, die aber nicht tuntig wirken möchten. Die meisten von diesen Männern würden sich die in der Öffentlichkeit küssen oder auch nur umarmen. Das Argument lautet dann, die heterosexuelle Mehrheit würde sich ja auch nicht in der Öffentlichkeit lieben...

Ich hatte schwule Männer, bei denen durfte ich nicht zu nah neben ihnen her gehen und bisexuelle, die mich zur Begrüßung in der Öffentlichkeit geküsst haben.
K*******u
Ich hatte weil ich mir nicht sicher war wegen de Bedeutung KI gefragt, Lenchen, da kam folgendes:

Heteronormativ
beschreibt eine Denkweise und gesellschaftliche Struktur, die Heterosexualität und eine binäre Geschlechterordnung (Mann/Frau) als selbstverständliche Norm ansieht, wodurch andere sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten als „abweichend“ oder „unnormal“ betrachtet und oft marginalisiert werden, was sich in Medien, Bildung, Gesetzen und Alltagsverhalten zeigt.

Nun habe ich aber, wie Du, auch die Erfahrung gemacht das es doch nicht wenige schwule Männer gibt, welche auch dieses Verhalten zeigen, was auch mitunter dazu geführt hat, dass ich wegen meiner Offenheit eher von schwulen Männern gemieden wurde als von aufgeschlossenen Heteros.

Ich bin zwar nicht der auffällige, tuntige Typ aber da in einer kleinen Stadt wie hier viele wissen das ich schwul bin und ich mich ja auch mit meinem Mann oder jetzt mit Partner Rolf zeige, haben hier doch so einige Kleinstadtschwule, ich sag immer die "Heimlich-Unheimlichen" Angst mit mir bzw. uns gesehen zu werden da sie dann ja vielleicht auch für schwul gehalten würden. Das sind dann auch die Leute, die Abends um 23h auf den blauen Seiten anfragen ob sie für ein Sexdate zu Besuch kommen könnten, ganz diskret.
edited 3 times
Lenchen66 yrs
Grins. Wir reden über den selben Typen, die es überall gibt.

Aber auch sehr selbstbewusst schwule Männer haben da oft ihre Bruchstellen, so mein Mann über siebzehn Jahre. Es mussten immer zwanzig Zentimeter Mindestabstand zwischen uns sein in der Öffentlichkeit. Erst lange nach unserer Beziehung haben wir gemeinsam darüber gelacht.

Schwul ist halt nicht gleich schwul und trans nicht gleich trans.
QuoteEditDeleteRecoverRemoveMove